Der Goldene Drache

Die Glückskatze winkt ins Leere
Premiere am Theater Augsburg: Das Ensemble überzeugt mit Roland Schimmelpfennigs Erfolgsstück „Der Goldene Drache“.      

Von Michael Schreiner (Augsburger Allgemeine Zeitung)

Leben wir nicht alle in Kojen, die zu eng sind für unsere Träume? Jeder hat seine Wabe irgendwo in den Regalreihen der Gesellschaft, sein Fach – und da passt nur hinein, wer sich ein wenig duckt, fügt und betrügt, wer sich den Verhältnissen anpasst. Von Sehnsucht, Liebe oder Verzweiflung getriebene Ausbrüche aus dem Kastensystem können zwar gelingen. Doch genauso können sie scheitern und in Gewalt, Ratlosigkeit, Suff, Apathie, Elend, Weitermachen enden. Oder tödlich in Pfützen von Blut und Bier.

Zu zart für so viel Aggression


So widerfährt es in Roland Schimmelpfennigs zeitgenössischem Stück „Der Goldene Drache“ jenen jungen Geschwistern aus China, Bruder und Schwester, die als Flüchtlinge illegal im Wohlstandsland sind. Der Junge arbeitet als Küchenhilfe im Thai-China-Vietnam-Restaurant „Goldener Drache“, das Mädchen wird von einem Kaufmann um die Ecke als Sexsklavin verkauft. Illegal heißt für diese Immigranten: auf die Knie. Zahnschmerzen in der Küche können tödlich sein. Und: Der nächste tumbe Freier macht dich kaputt, als zerquetsche er eine Grille, die zu zart war für so viel Aggression.

Doch „Der Goldene Drache“ (Mülheimer Dramatikerpreis 2010 und „Stück des Jahres“ im Urteil von Theater heute) ist nicht nur Sozialdrama. In 48 mehr oder weniger eng miteinander verwobenen Szenen entwirft Roland Schimmelpfennig ein raffiniertes, facettenreiches Spiel um menschliche Beziehungen und das Leben in den Zeiten der Globalisierung – mit Lust an Slapstick, Komik und surrealen Szenen, mit alltagsnahen Figuren und Schicksalen, die uns nahegehen: Der alte Mann, der wieder jung sein möchte. Der frustrierte Mann, dessen Frau einen anderen liebt. Das junge Paar: Sie will das Kind, er nicht. Zwei Stewardessen, die in ihrem entfremdeten Dasein nie dorthin gelangen, wo sie sein möchten. Das ist die Hausgemeinschaft, deren Wege sich im „Goldenen Drachen“ kreuzen, wo nur die Glückskatzen dauerfroh schauen und mechanisch ins Leere winken.

Fünf Darsteller übernehmen 17 Rollen

Es ist wie im China-Restaurant: Die offene Textvorlage ist nur der Rohstoff. Die Küche muss etwas machen aus den Zutaten, zu denen in diesem Fall auch ein kariöser blutiger Schneidezahn gehört. Fünf Darsteller, die 17 Rollen übernehmen, eine Geschichte, die aus vielen Einzelteilen verzahnt gehört: Da kann manches anbrennen, versalzen sein, ins Stocken geraten oder verkochen. Nichts davon in Augsburg.


Was der 32-jährige Regisseur Ramin Anaraki zusammen mit Tatjana Kautsch (Bühne und Kostüme) in ihrer bis ins Requisitendetail bemerkenswerten, stimmigen und überlegten Inszenierung auf der Ausweichbühne im Textilmuseum servieren, ist feine Theaterkost. Süß-sauer und scharf, gut gewürzt, leicht bekömmlich einerseits und doch mit einem bitteren Beigeschmack. Was sich komisch anlässt, kippt ins Tragische. Auf Belustigung folgt Beklemmung.

Souverän und einfallsreich geht Anaraki mit Verfremdung und mitgesprochenen Regieanweisungen um. Die Zuschauer können an diesem Premierenabend gleichsam dem Entstehungsprozess von Theater beiwohnen. Schlicht großartig ist, wie das Ensemble – Eva Maria Keller, Klaus Müller, Martin Herrmann sowie die jungen Schauspieler Lea Sophie Salfeld und Florian Innerebner – die Herausforderung der „totalen“ Verwandlungen meistert. Frauen spielen Männer, Männer Frauen, Alte Junge, Junge Alte.

Hochregale auf Rädern schaffen eine offene und variable Bühne mit jenen kojenartigen Spielorten, die eben zu eng sind für große Träume. Die Rhythmisierung der Übergänge zwischen minutenkurzen Szenen überzeugt. Anaraki findet immer das richtige Scharnier: Mal ist es ein Ineinanderfließen mit parallelem Spiel auf zwei Ebenen, mal erzwingen retardierende Momente ein Innehalten, bevor wieder aufs Tempo gedrückt wird. Diese 90 Minuten sind schrill und still, laut und leise, heftig und sanft, grotesk und schockierend.


Schlangentanz mit Suppenschale

Die 6, die 83, die 101, die 31, die 17: So viele Gerichte im Goldenen Drachen im Wok gebrutzelt werden, so viele Höhepunkte aus dieser Inszenierung möchte man aufzählen. Wie Eva Maria Keller die Fabel von der Grille und der Ameise als Kabinettstück gibt, Klaus Müller einen Schlangentanz mit Suppenschale auf dem Kopf; die Zerbrechlichkeit, die Florian Innerebner dem chinesischen Mädchen verleiht, Lea Sophie Salfelds spielerische Robustheit ...

„Der Goldene Drache“ macht hungrig auf Theater. Starker Applaus des Premierenpublikums.


Die besten Geschichten spielen im Wirtshaus

Neue Szene Augsburg
Alte Weisheit: Die besten Geschichten spielen in einem Wirtshaus. Nur dass besagtes Lokal, "Der goldene Drache" in Roland Schimmelpfenigs gleichnamigem Stück, denkbar blass bleibt. Das "China-Thai-Vietnam-Schnellrestaurant" in einer beliebigen deutschen bzw. europäischen Stadt hat keinen Besitzer oder Wirt, das Interieur bleibt nur angedeutet, allein die Speisekarte findet reichlich Erwähnung - und ist gerade dadurch ebenso austauschbar.

Mittelpunkt des Stücks ist die Belegschaft, der Dicke, der Alte, der Kleine etc., allesamt (illegale) Immigranten aus Asien, um die herum sich die Stammgäste aus dem Viertel gruppieren, der Ladenbesitzer, der Mann mit dem gestreiften Hemd, die beiden Stewardessen, das junge Pärchen, der alte Mann auf dem Balkon. Zu wirklichen Kontakten kommt es nicht - die einzige Ausnahme endet tödlich.

Wie Schimmelpfennig diese (Alltags-)Geschichten erzählt und sie mit der Fabel von der Grille und der Ameise verwebt, dabei die Schicksale der Einwanderer thematisiert und die Ignoranz ihrer Gäste, ist hohe Kunst: witzig, spannend, tragisch und ohne große Plattitüden oder (allzu) erhobenen Zeigefinger. Regie, Bühnenbild und Ensemble folgen ihm begeistert und begeisternd. Vor allem die Gastschauspieler von der Otto-Falkenbergschule, Lea Sophie Salfeld und Florian Innerebner (2. Bild, Mitte und rechts), glänzen und werden hoffentlich noch öfter in Augsburg zu sehen sein, sorgen sie doch offensichtlich auch bei den Stammkräften, Eva Maria Keller, Martin Herrmann und Klaus Müller, für gesteigerte Spielfreude. Das Bühnenbild von Tatjana Kautsch ist so simpel wie großartig und die Regie von Ramin Anaraki zeigt sich dem tollen Stück absolut gewachsen.

Als sich nach langem Applaus die Zuschauerschlange dem Ausgang zubewegt, verpasst eine ältere Dame einer Bierdose, die an den Bühnenrand gerollt ist, einen gutgelaunten Kick. Auch das sieht man nicht jeden Tag. Im "Goldenen Drachen" schon. Wie gesagt, die besten Geschichten spielen im Wirtshaus. 



Der Kleine Vampir

Punk in der Gruft
Der Kinderbuch-Klassiker "Der kleine Vampir" wird am Theater Augsburg gespielt.

Von Stefan Dosch (Augsburger Allgemeine Zeitung)

Zum deutschen Stadttheater in der Vorweihnachtszeit gehört das Kinderstück wie der Baum zum Fest. Das muss beileibe kein Wintermärchen sein, wichtiger für den Zustimmungsgrad der jungen Zuschauer ist, dass es sich um einen bekannten Stoff handelt – und wo wäre der leichter zu finden als bei einer erfolgreichen Kinderbuchreihe?

„Der kleine Vampir“ also am Theater Augsburg, Angela Sommer-Bodenburgs Geschichten um den Jungen Anton, der Freundschaft schließt mit dem realerweise kaum älteren Blutsauger Rüdiger und dessen schräger Familie. Regisseur Ramin Anaraki setzt, wie es sich für eine Aufführung ab sechs Jahren gehört, ganz auf rampenwirksame Aktion, und so darf die Jugend auf der Bühne – Mensch wie Vampir – immer wieder mal ausgelassen Faxen machen, hörbar zur Freude des Saals.

Das Geschehen spielt sich auf einer in zwei Hälften geteilten Drehbühne ab. Hier die Einbauküchen- und Kinderzimmerwelt von Anton und seinen Eltern, dort der Friedhof mit darunter liegender Vampirgruft (Bühne/Kostüme: Susanne Hiller). Letztere entpuppt sich mitnichten als düsteres Gruselkabinett: Krachbunt sind Wände und Särge. Und wie man sich bettet, verhält man sich auch: So bissfreudig die Blutsauger auch sind, kommen sie doch als quirlig-bunter Haufen daher. Das fängt an bei Tante Sabine (schön vertrottelt: Christel Peschke) und gilt für Bruder Lumpi (Roberto Martinez Martinez) ebenso wie für die in Anton verknallte Anna (ein lispelndes Gör: Olga Nasfeter) und ihren Bruder Rüdiger (Ulrich Rechenbach als aufgekratzter, noch sichtlich unfertiger Blutsauger).

Vampir-Freund Anton ist bei Tjark Bernau ein rechter Zappelphilipp, der allerdings in der ersten Hälfte ein bisschen oft Gebrauch macht von einem krakeeligen Vortragston. Sympathisch jugendlich gezeichnet sind Antons Eltern (Ute Fiedler/Klaus Müller).

Was wäre dieser von Wolf-Dietrich Sprenger auf Bühnentauglichkeit gebrachte „Vampir“ ohne die Musik von Adrian Sieber! Bei flotten Nummern (gespielt vom Komponisten, von Julia Hornung und Dominik Scholz) tönt es erfrischend punkig, wovon nicht nur das schwungvolle Finale um den tölpeligen Vampirjäger Geiermeier (Florian Schmidt-Gahlen) profitiert, sondern die Produktion insgesamt, die so das Zeug als Gegenstück zu mancher Weihnachtssüßlichkeit hat. Jubel im nicht ganz vollen Großen Haus.


Mit Punk und Rock Sympathiepunkte gesammelt
 „Der kleine Vampir“ feierte Premiere im Theater Augsburg. Ramin Anaraki überzeugt mit seiner Inszenierung von einer „Grusical“-Version der beliebten Kinderbuchreihe.                              a3kultur (rgb)
                               

Blutsauger haben Hochsaison. Auf den Vampirkultzug sprang jetzt auch das Theater Augsburg mit einer farbfrohen „Grusical“-Version der beliebten Kinderbuchreihe „Der kleine Vampir“ von Angela Sommer-Bodenburg auf.
Empfohlen für Kinder ab sechs Jahren, setzte die etwas blutleer anlaufende Inszenierung von Ramin Anaraki weniger auf schaurige Horroreffekte denn auf eine gemäßigte punk-rockige Live-Bühnenmusik von Adrian Sieber, um die abenteuerliche Freundschaft zwischen dem menschliche Nähe suchenden Vampirjungen Rüdiger und dem offensichtlich linkisch-ängstlichen Dracula-Fan Anton (Tjark Bernau) auf die Bühne zu stellen.  Das Musikertrio integrierte sich bestens ins Drehbühnen-Geschehen (Ausstattung: Susanne Hiller), das fließende Spielortwechsel von Antons schickem Zuhause hin zur herbstlich belaubten Neon-Friedhofsgruft von Rüdigers schrill-durchgeknallten Vampir-Sippe – allesamt Fans von Stephanie Meyers Kinohelden - erlaubte. Gleichzeitig spiegelten die Songs mit frischen musikalischen Akzenten und rhythmischem „Biss“ die Stimmung der kleinen und größeren Helden. Der neunjährige Schüler Anton Bohnsack und seine quietsch-fidelen und frischverliebt im Partnerlook umhertanzenden Eltern (Klaus Müller und Ute Fiedler) finden dank des naturgemäß stark müffelig („Hier riechts aber komisch!“) riechenden Vampirteenager Rüdiger näher zueinander und bei der nächtlichen Tanztee-Party am Happy-End  zu neuer Toleranz gegenüber den außergewöhnlich lebendigen Freunden ihres Sohnes. So jagen sie vereint im Dracula-Look sogar noch den ambitionierten Vapirjäger Geiermeier samt Holzklötzchen in die Schranken. Klar sammelte der immerhin schon 246 Jahre alte Rüdiger von Schlotterstein, den Ulrich Rechenbach mit dezent-melancholischer Note spielte gemeinsam mit seiner frisch in Anton verliebten Schwester und Milchzahn-Vampirette Anna (Olga Nasfeter) die meisten Sympathiepunkte beim jungen Premierenpublikum, das sich besonders über die Flugkünste dank Vampirumhang freute – die Eltern amüsierten sich dafür über ein Wiedersehen mit Christel Peschke, die als demente und „schrecklich“ schräg-schusselige Vampir-Oma und Sprüchen wie „ich glaub mein Sarg klemmt“ für viele Lacher sorgte.

 


Familien Unternehmer Geister


Höflicher Applaus für "Familien Unternehmer Geister"
Die Uraufführung von “Familien Unternehmer Geister” entfaltete stellenweise Witz und Tempo. Insgesamt aber mutete die Aufführung doch wie ein Dauerlauf  an, der nicht von der Stelle kam.
   

Von Richard Mayr (Augsburger Allgemeine Zeitung) 

Die Uraufführung von “Familien Unternehmer Geister” entfaltete stellenweise Witz und Tempo.Es geschieht nichts, rein gar nichts. Eine Familie läuft zwar 80 Minuten lang verbal auf Hochtouren, kommt dabei aber nicht einmal einen Zentimeter vom Fleck. Hinterher ist alles genauso wie vorher. Vater, Mutter und Tochter – sie tragen zwar Namen, aber eher wie Alibis – bitten und flehen, beknien und beschwören den Sohn beziehungsweise Bruder, das Familienunternehmen zu übernehmen; er jedoch bleibt stur und sagt immer wieder nur „Nein“.

Man lernt die Familie im Verlauf ein wenig kennen: Mama (Ute Fiedler) hat einen Hundetick, weil sich Kinder weigern, Kinder zu bekommen. Das Töchterlein (Christine Diensberg) spezialisiert sich darauf, das Warten aufs Erbe zum Mantra für Familienunternehmertöchter zu erheben. Der Sohnemann (Tjark Bernau) fährt gerne Rennboot – ein liebenswerter Bohemien, der seinen Unternehmereltern voller Groll vorwirft, dass sie ihn nicht geliebt haben. Papa (Martin Herrmann) wiederum erklärt, ihn aus Absicht nicht geliebt zu haben, auf dass er ein Vollblutfamilienunternehmer werde. Dazu hat Papa, der am liebsten Firmen gründet, auch schon Bekanntschaft mit unbequemen Bahngleisen gemacht. Doch dann stand er wieder auf, bevor der Zug kam. Ach ja: Es kriselt im Familienunternehmen, weil die Banken Kredite erst dann wieder vergeben, wenn der Senior abgetreten ist und der Junior die Zukunft verkörpert. Aber es geschieht nichts.

„Familien Unternehmer Geister“ heißt das Stück, das von dem in Wien lebenden Schriftsteller Robert Woelfl geschrieben und vom Theater Augsburg uraufgeführt wurde. In ihm erfährt man als Zuschauer etwas über die Unternehmerfamilie, von der da die Rede ist, aber die Unternehmerfamilie selbst erfährt auf der Bühne rein gar nichts. Sie plappert vor sich hin, damit das Publikum einen Einblick in die Abgründe des Familienunternehmertums bekommt.

Manchmal blitzt im griffigen Witz auch eine Wahrheit auf, wenn etwa die Tochter sagt: „Ich bin fürs Erben und Aussterben. Zuerst erben, dann aussterben. Das ist mein Motto.“ Aber keines der Worte löst bei keiner Figur etwas aus. Die Menschen auf der Bühne sind ohne Leben, sie besitzen nicht den Hauch davon. Sie gleichen Marionetten, die der Regisseur Ramin Anaraki eigentlich an Fäden hätte bewegen sollen, um dem Publikum zu zeigen, was für ein Stück hier gespielt wird: ein Vorführstück.

Anaraki hat aber keine Fäden an seinen Schauspielern befestigt, sondern Mikrofone, damit jeder Satz, auch der mit dem Rücken gesprochene, noch ankommt beim Publikum. Egal wie jemand steht, egal wohin jemand geht, es spielt sowieso keine Rolle, weil es nur auf die Wortwirkung beim Zuschauer und nicht auf das Geschehen ankommt.

Kurzweilig wünschte Anaraki dieses Nichtgeschehen zu inszenieren. Und die Bühne (Marie Holzer), ein Tapetentraum in Goldbrokat, machte anfangs Hunger auf mehr. Rasant ging es durch den Text, die chorischen Partien gefielen, weil sie eindringlich zeigten, wie Vater, Mutter, Tochter Front machten gegen den sich entziehenden Juniorunternehmer. Diesen spielte Tjark Bernau überzeugend, weil er bei aller Verweigerung immer wieder so ein Lächeln trug, das sagte, dass wenigstens er wisse, welches Stück hier gespielt werde. Aber auch flott inszeniert blieb das Nichtgeschehen ein Nichtgeschehen.                     


Wie der Familienbetrieb den Bach runter geht
Robert Woelfls „Familien Unternehmer Geister“ bei Dierig
Von Frank Heindl (DAZ)
Eine schwer nach unten und zur Seite kippender Laufsteg ist das, auf dem Bühnenbildnerin Marie Holzer das Personal von Robert Woelfls „Familie Unternehmer Geister“ ihr privat-banales Melodram zur grotesken Frace breittreten lässt; ein catwalk für den Seelenstrip, eine lange Tafel für gequälte Nahrungsaufnahme und nervige Debatten. Hier geht’s abwärts – psychisch, unternehmerisch, familiär und in rasender Geschwindigkeit.

Das aktuelle Problem in Woelfls Unternehmerfamilie ist die Regelung der Nachfolge. Vater Michael (im brokatenen Morgenmantel um Haltung bemüht: Martin Herrmann), Mutter Katja (zwischen Domina und Patronin mit Reitstiefeln und Hundeleine: Ute Fiedler) und Tochter Leonie (wunderbares Dummchen mit leuchtenden Augen: Christine Diensberg) reden vereint auf Jannis ein (störrisch, selbstmitleidig, geplagt und doch nicht sympathisch: Tjark Bernau). Der Sohn soll die Verantwortung und die Firma übernehmen und dem Familienbetrieb damit den dringend benötigten Überbrückungskredit verschaffen. Jannis aber will nicht. Seine Argumente: Keiner liebt mich, die Firma ist eh pleite, ich fahre lieber Motorbootrennen.

Dass in dieser Familie einer dem anderen zuhört, ist in Woelfls Text nicht vorgesehen. Dass man als Zuschauer jeden Satz versteht, ist auch nicht wichtig. Denn beinahe jeder Gedanke wird in den hektischen Dialogen mehrmals geäußert. Und zwar wortgleich. Langweilig ist das zunächst nicht – im Gegenteil, die Atemlosigkeit steckt an, und wenn es zu anstrengend wird, sorgen dazwischengeschaltete Kurzmonologe der einzelnen Familienmitglieder für Erholungspausen.

Erben und Aussterben
Vor allem in diesen Monologen wird klar, dass auf der schrägen Ebene des Laufstegs schon mehr den Bach runter gegangen ist als nur das Wohl einer Firma. Der Vater legt sich immer wieder mal auf Bahnschienen, scheut aber jeweils die allerletzte Konsequenz und steht rechtzeitig wieder auf. Die Mutter leidet an Überdruss und Depressionen, tröstet sich mit dem Kauf von immer mehr Hunden und flüchtet sich in die Gedanken an ein Leben, das sie gerne geführt hätte: große Kinderschar, Haus auf dem Land, selbstgezogener Salat – billige Abziehbilder von erbärmlicher intellektueller Schäbigkeit, auf unglaubwürdigste Weise klischeehaft. Tochter Leonie versteht sich auf nichts als aufs Erben – danach will sie „aussterben“, ohne die Aufgabe des Gebärens erfüllt zu haben. Sohn Jannis schließlich wurde nicht nur nicht geliebt, sondern absichtlich nicht geliebt – mangelnde Zuneigung und das Studium der Betriebswirtschaftslehre schienen seinen Eltern die idealen Voraussetzungen für die Unternehmensleitung.


Regisseur Ramin Anaraki hat das Stück in hohem Tempo inszeniert. Diese Dialoge zu lernen, muss für die Schauspieler eine Herausforderung gewesen sein – viele Sätze kommen nicht nur in einzelnen Szenen, sondern über das ganze Stück verteilt immer wieder und von wechselnden Personen gesprochen vor – da lässt sich kein Einsatz an Stichworte knüpfen. Dass es trotzdem nur zu kaum merklichen Verhasplern kam, ist alles andere als selbstverständlich. Des Öfteren werden die Standardsätze von mehreren Personen gleichzeitig gesprochen, mal aggressiv, mal gebetsmühlenartig.

Doch die Inszenierung konnte bei aller Lebendigkeit, bei aller stringenten Choreographie und Rhythmik die Frage nach dem Sinn des Ganzen nicht auf Dauer unterdrücken. Er wolle zeigen, sagt Woelfl, dass unternehmerisches Denken zu einer gesellschaftlichen Maxime geworden sei, dass das nicht enden wollende Geschwätz von Profit und Rendite, von Expansion und Innovation alle Schichten durchdringe und unser aller Handeln bestimme – eine soziologische These von großer Relevanz, die das Nachdenken durchaus lohnt. Warum aber demonstriert er sie mit derart unrealistischem Personal? Sicher gibt es die Paris Hiltons und die Glorias von und zu Irgendwas. Doch der Geisteszustand, um nicht zu sagen die zum Himmel schreiende Dummheit solcher Extremfiguren ist eben gerade nicht typisch für eine Gesellschaftsschicht, die die Chancen der Moderne erkannt hat und sie nutzt. Das weibliche Naivchen beispielsweise, das nur ans Erben denkt, das Püppchen, dem beim Wort Studium schwindlig wird, sind nicht die Regel, Ignoranz ist längst kein positives Auslesekriterium mehr. Und wer glaubt denn im Ernst noch, man dürfe seine Kinder nicht lieben, damit sie erfolgreich würden? Das Gegenteil ist der Fall: Ein bisschen Küchenpsychologie findet sich heutzutage in wirklich jedem Haushalt, und in deren Anwendung gäbe es jede Menge Anhaltspunkte für gnadenlosen Sarkasmus und ernsthafte Gesellschaftssatire.

Und so wuchs mit Fortschreiten des Stücks die Skepsis gegenüber Woelfls Text, der Woelfls These nicht beweisen kann: Diese Familie hat zu wenig Wiedererkennungswert, zu wenig Phänotypisches. Mit wenigen Ausnahmen: Wirklich treffsicher zeigte er etwa, wie sich Mutter Katja in einer grotesken Vermischung von Religion und Esoterik ihre private „Unternehmensphilosophie“ zusammenreimt: Firmen, faselt sie, hätten wir „nur geborgt. Sie sind uns nur geliehen. (…) Unsere Firmen gehören uns nicht, und sie gehören auch nicht unseren Kindern. Firmen hat es schon gegeben, lange bevor es uns gegeben hat, und es wird sie auch noch geben, wenn wir einmal von dieser Welt verschwunden sein werden.“ Eine vielleicht betrübliche Aussicht, an der aber Woelfls Stück nichts Wesentliches ändern wird.


Das dreißigste Jahr


Mit dreissig erfolgt die erste Rekapitulation

Im K6 hatte das Theater Basel mit «Das dreissigste Jahr» von Ingeborg
Bachmann Premiere                                         

von Joerg Jermann (Basellandschaftliche Zeitung)
Wir sitzen an einer grossen, weiss gedeckten Tafel und unser Gastgeber berichtet uns seine Geschichte bis ins dreissigste Lebensjahr. Ingeborg Bachmann erzählt von einer Er-Figur, welche unruhig und gejagt wirkt, mehrere Fluchten unternimmt, mehrere Versuche, auszubrechen oder nachzudenken.Ingeborg Bachmanns Erzählzyklus «Im dreissigsten Jahr» ist 1961 erschienen, der Abend im K6 beweist eine erstaunliche Aktualität dieses
Textes. Dem jungen Münchner Regisseur Ramin Anaraki, der das erste
Mal in Basel arbeitet, gelingt ein besinnlicher Abend mit dem Schauspieler Benjamin Kempf. Der Text kommt zwar als einstündiger Monolog daher, aber die Worte von Ingeborg Bachmann und die Präsenz von Benjamin Kempf schaffen Abwechslung und Anregung. 


Geht man gegen dreissig, stellt sich die Frage, ob man noch jung ist oder endgültig alt wird. Man erinnert sich erstmals an eine ganze Lebensspanne. Ingeborg Bachmann sagt, der «Er» habe bisher von einem Tag zum andern gelebt ohne Arg. Viele Träume, Möglichkeiten hatte er, viele Ideen und Ideale, Heroisches: Edler Müssiggang, Erfolg, Weisheit, Kunst, hehre Freundschaften und Philosophie sind die Stichworte. Und nun klappt das alles ein und erstmals stellt sich die Frage nach der Wirklichkeit, erstmals fragt sich unser Held, was er denn wirklich geleistet hat, zu was er denn wirklich tauge. Er merkt, dass schon einiges versäumt wurde und einiges vorbei ist,
er lebt erstmals nicht mehr in jugendlicher Unbekümmertheit.

Also beginnen die Fluchten, nach Rom, an die Orte der ersten Liebe, von dort weiter nach Süden, nach Norden, nach Wien zurück: Alles Reisen bringt nichts, «er» nimmt seine erste Rekapitulation überallhin mit. Anhand der ehemaligen Freundin und anhand eines Jugendfreundes sieht er, wie sich die meisten etablieren, sich arrangieren, ihre Ideen verraten, sich verbiegen und unterordnen. Der hassgeliebte Jugendfreund Moll ist der Inbegriff für dieses vorzeitige Ende. «Er» fragt sich: «Wie vermeidet man Moll?» Diesem bleiben das «Wie gehts, danke und dir» und ein harmloses «tschüss und alles paletti?» Mit Recht fragt sich der Erzähler, ob man wirklich alt, schrumpflig, vergesslich und verblödet werden muss, um sein Los zu erfüllen hienieden.

Benjamin Kempf beginnt ganz zaghaft, fein. Er hat direkten Kontak mit dem Publikum an der halb gedeckten, weissen Tafel, er setzt sich zwischen die Leute beim Erzählen, einmal steigt er wie ein Halbaffe auf den Tisch, gebannt hört und sieht man ihm zu. Kempf versteht es, im richtigen Moment Pausen zu setzen, er dosiert sein Spiel, er belässt der Sprache von Ingeborg Bachmann das verdiente Hauptgewicht. Ein Highlight des Abends ist sein Gitarrenspiel, das an einem Tiefpunkt der Er-Figur in der Erzählung ansetzt und zur Nachdenklichkeit und Rekapitulation nachgerade verführt


Schweinsworscht mit Kuss

"Das dreißigste Jahr" frei nach Bachmann und "Wurzelsuche" im Pathos München                                  von Mathias Hejny (AZ)

An der Stirnseite einer festlichen Tafel steht ein junger Mann, gekleidet wie für einen Trauerfall, und doch feiert man Geburtstag. Aber der Mann geht in "Das dreißigste Jahr", in dessen Verlauf Ingeborg Bachmann in der gleichnamigen Erzählung ihren Ich-Erzähler durch eine Existenzkrise schickt.

Er wird im Pathos von Benjamin Kempf gespielt. Wie er unter der Regie von Ramin Anaraki die Bachmannsche Bilderflut bändigt, die Magie der Sprache körperlich fühlbar macht und auch über lange Pausen hinweg die Spannung zu halten vermag, ist ein Meisterstückchen.

Eine seiner Fragen ist, wie viel von dem, was man selbst ist, unter dem blieb, was andere aus einem gemacht haben - das ist auch Aspekt in "Wurzelsuche", gewissermaßen dem weiblichen Gegenstück zum Bachmann-Monolog. Drei Schauspielerinnen erinnern sich an Orte, an denen sie aufwuchsen: Katja Brenner (Mittelfranken), Sophie Engert (Nordseeküste) und Vanessa Jeker (Zentralschweiz). Es sind ernsthafte, oft sympathische, sogar überraschende Erzählungen vom Opa, der die Schneeketten erfand, was die Enkelin trotzdem nicht zur reichen Erbin machte, oder über sinnliche Genüsse zwischen fränkischen Schweinswörschd und erstem Zungenkuss


Wechselnde Dichte

"Wurzelsuche" und "Das dreißigste Jahr" im Pathos

von Sabine Leucht (SZ)

Die eine singt Schwyzerdütsches, die andere rezitiert Hamburger Platt, eine Clownin im beerenfarbenen Junper verteilt zwangdfröhlich Pupser - und der Mann, der eben sein drittes Lebensjahrzehnt beendet, spürt dem Älterwerden mit den Worten Ingeborg Bachmanns nach. Mit zwei Koproduktionen geht das immer kompakter vernetzte Pathos München sehr selbstbewusst in den Dezember, in dem auch wieder Verhandlungen über das nach wie vor von der Abrissbirne bedrohte Areal anstehen. "Die Vorleserinnen" Katja Brenner, Sophie Engert, und Vanessa Jeker haben sich mit Kooperation mit "Drama Graz" auf "Wurzelsuche" begeben, und Regisseur Ramin Anaraki schickt Benjamin Kempf, Ensemblemitglied des THeater Basel, in den Zweikampf mit dem Alter.

"Das dreißigste Jahr", das in den Pathos-Ateliers als Tischrede aufgeführt wird, ist schon von der Anlage her der dichtere von zwei Abenden, die sich (zufällig?) beide mit Selbstreflexion und Selbstbild-Verschiebungen befassen.

Doch wo Brenner, Engert und Jeker in loser Folge Dialekte, Dinge und Erinnerungen aus ihrer Kinder- und Jugendzeit hervorkramen, dem kaufmännisch ungeschickten Erfinder-Opa (Schneeketten! Spikes!) ein Straßenschild widmen oder von "feddicher Wuscht" schwärmen, kommt neben manch Anrührendem oder Lustigem auch viel Belangloses vor.

Der nur momentweise gelungene Abend wirkt eigenartig nostalgisch, bleibt dann jedoch die passende Atmosphäre schuldig.

Da bewegt sich auf sichereren Wegen, wer Ingeborg Bachmann folgt, die in oft schmerzlich schönen Worten, die biographische Zeitspanne beschrieb, wo die Desillusionierung sich ins Leben schleicht und das bis dato uneingeschränkte Gefühl grenzenloser Möglichkeiten auf die Größe einer Vertragsunterzeichnung schrumpft. Was Benjamin Kempf mit viel Weißwein, nicht nur räumlich wechselnder Nähe zum Publikum und einer meist ausgewogenen Mischung aus Nachdenklichkeit und jugendlicher Frische nachvollzieht. Auch wenn der junge Mann, der da versonnen aus dem Fenster schaut und zwischen weiß gedeckter Tafel und Umzugskisten wandelt, für die Sehnsucht nach "Söhnen und Äpfeln" noch ein wenig zu sehr selbst im Zentrum seiner Welt zu stehen scheint.



Kein Schiff wird kommen


Premiere des Stücks "Kein Schiff wird kommen"

An Nis-Momme Stockmann kann man feststellen, wie gut Autorenförderung in diesem Land funktioniert:
Auszeichnungen beim Heidelberger und Berliner Stückemarkt, Stipendien, Werkaufträge – und schon wird der Mann an allen deutschen Theatern gespielt. Auch das Theater Augsburg bringt jetzt Stockmanns zweites Stück „Kein Schiff wird kommen“ auf die Bühne, besser gesagt: in die ehemalige Augsburger Fabrikhalle Dierig, die bis weit ins neue Jahr hinein als Ersatz-Schauspielhaus dienen muss.

von Angela Bachmair (Augsburger Allgemeine Zeitung)
Hier zeigte sich zum Spielzeitauftakt des Sprechtheaters, dass Nis- Momme Stockmann zu Recht den Titel des jungen Erfolgsautors (wahlweise: des hoffnungsvollen Jungautors) beanspruchen darf. Sein Text über einen jungen Mann, der heimkommt auf die Nordseeinsel Föhr und für seinen „Durchbruch“ von seinem Vater Stoff für ein Theaterstück über die deutsch-deutsche Wende bekommen will (obwohl ihn das Thema gar nicht interessiert),dieser Text ist so autobiografisch wie zeitaktuell und gut.
Spannungsbogen, vielfältige Perspektiven, vorstellbare Bilder, Personenentwicklung, Situationskomik – alles ist drin. Übrigens: Stockmann stammt selbst von der Insel Föhr. 


Fürs Theater hat die Vorlage gleichwohl Tücken; sie ist szenisch mager und ein Erzähltext voller Kommentierungen. Regisseur Ramin Anaraki versucht gar nicht erst, daraus Spielmaterial zu generieren oder die Erzählung spielerisch zu illustrieren. Er macht aus der Not eine Tugend, lässt die Hauptfigur des jungen Mannes einfach von sich erzählen und greift damit das seit Goethes „Tasso“ gültige Motiv des reflektierenden Dichters auf.

Und Ulrich Rechenbach, als neues Ensemblemitglied mit 28 Jahren genauso jung wie der Autor, hat die Kraft, diese lange, selbstbezogene Erzählung durchzuhalten. Er ist cool und aufgeregt, rotzig und anlehnungsbedürftig, großmannsüchtig und ganz klein, arbeitet sich an seinem Vater ab (Martin Herrmann als sympathischer, gut geerdeter Prolet) wie ein pubertierender Junge.
So ganz allein lässt ihn der Regisseur aber doch nicht: Christine Diensberg ist Rechenbach als zusätzliches Alter Ego, Über-Ich, hilfreiche Fee an die Seite gegeben. Später wird sie zur Mutter – als sich nämlich herausstellt, dass der junge Mann nie das große Theaterstück wird schreiben können, solange er nicht sein ganz persönliches Trauma aufgearbeitet hat – das Verrücktwerden und den Tod der Mutter. Wenn Diensberg aus einem weißen Bettenberg ihre Wut und ihre Angst
herausschreit, wird das Stück hochdramatisch.

Nach dieser Vergegenwärtigung ist der junge Mann mit dem Vater versöhnt, und er kann plötzlich schreiben – allerdings nicht das Stück über die Wende.
Nis-Momme Stockmann erweist sich mit dieser Botschaft als radikaler Individualist und als typischer Teil der individualisierten (man könnte auch sagen: egomanen) Gesellschaft. Nach dem Motto: Nur was mich persönlich betrifft, ist von Bedeutung, denn ich bin das Zentrum der Welt.

Solch ein spannungsgeladenes Kammerspiel auf der weiten Fläche einer Fabrikhalle aufzuführen, ist nicht einfach. Es klappt dennoch, weil die Schauspieler gut artikulieren und überall verständlich sind.
Und das Bühnenbild von Tatjana Kautsch mit einem aufgehängten Kubus, der mal Zimmer, mal Projektionsfläche für die schönen Videos von Sami Bill ist, fokussiert die Blicke und unterstützt die Konzentration. 


Der Mauerfall - bedeutungslos
„Kein Schiff wird kommen“ in Dierigs Fabrikhalle
Sohn besucht Vater, Vater nervt, kann nichts recht machen, Sohn reist wieder ab. Man könnte die Handlung im ersten Teil von Niels-Momme Stockmanns Stück „Kein Schiff wird kommen“ in ein paar Halbsätzen wiedergeben. Doch dann wäre man in eine der Fallen getappt, die das Stück dem Zuschauer stellt. Man hätte die Doppelbödigkeit des Textes übersehen und die Doppelbödigkeit der Handlung, man wäre auf die einfache Sprache hereingefallen, ohne das raffinierte Spiel zu durchschauen, dass Stockmann mit dem Publikum treibt: Lange lässt er kaum ahnen, was da unter der Oberfläche brodelt.

von Frank Heindl (DAZ)
Die erste Ebene von „Kein Schiff wird kommen“ ist die des Vater-Sohn-Konfliktes. Die beiden nerven sich, und im ersten Teil hat Stockmann die gegenseitige Bereitschaft, auf jede noch so unwichtige Bemerkung mit höchster Verärgerung zu reagieren, wunderbar überspitzt karikiert. Noch darf man lachen.
Doch der Sohn ist nicht nur Sohn, sondern auch Schriftsteller, besucht seinen Vater auf der heimatlichen Insel Föhr als recherchierender Stückeschreiber. Auch wenn Stockmann, der Autor, nicht selbst auf Föhr geboren wäre und sein Stück keinerlei autobiographischen Bezug hätte, wäre doch deutlich, dass hier die zweite Ebene des Stücks zu finden ist: Ein Bühnenautor erzählt aus dem Nähkästchen, berichtet schonungslos aus der Werkstatt des Schreibens.


Der Sohn will über den Fall der Mauer schreiben. Das birgt Probleme: Er weiß nichts über das Thema (daher die Fahrt zum Vater), es interessiert ihn nicht die Bohne und hat seiner Ansicht nach auch für sonst niemanden Bedeutung, aber Verleger und Intendanten wollen ausschließlich zu diesem Thema ein Stück von ihm. Aber da ist noch ein weiteres Thema, das beide, Vater wie Sohn, meiden: die Mutter. Sie ist tot, wird nur flüchtig erwähnt – und ist doch permanent anwesend. An dieser Stelle wagt die Inszenierung von Regisseur Ramin Anaraki einen –
folgerichtigen – interpretatorischen Eingriff in Stockmanns für dramaturgische Kniffe weit offenen Text: Auf der kleinen Bühne in Dierigs Fabrikhalle geistert die tote Ehefrau und Mutter (Christine Diensberg) mal blass und mit leerem Blick, mal in freudiger Anteilnahme, schon von Anfang an zwischen Vater und Sohn herum, mischt sich in deren Gespräche und Gedanken ein. 

Zum Thema wird sie erst später werden. Zunächst muss der Sohn frustriert und zornig abreisen, muss Anflüge von Paranoia erleben, sich schlaflos, gehetzt und mit wirrem Blick fühlen „wie ein Schwein in einer Arena von Augen“ – beobachtet und handlungsunfähig. Und muss schließlich, wie auf der Couch des Therapeuten, wieder ganz zum Sohn, zum Kind werden, muss „„Papa, ich brauch deine Hilfe“ rufen und noch einmal nach Föhr und in die eigene Vergangenheit fahren.
Ulrich Rechenbach hatte schon in der ersten Hälfte fasziniert – durch seine Verwandlung in einen unreifen, quengelnden und dauergenervten Jungschriftsteller, der in Gegenwart des Vaters mit schweren Komplexen zu kämpfen hat. Nervös reibt er seine Hände an den Oberschenkeln, um sie dann wieder tief in den Hosentaschen zu verstecken, trippelt von einem Fuß auf den anderen, putzt die Brille, fummelt am Verschluss der Bierflasche, blickt ruhelos umher und sieht doch nie den Vater (Martin Herrmann) an. Nun, im zweiten Teil, muss er ganz Kind werden, muss verstört und mit wachsendem Furor ein Trauma nacherleben, sich mit dem Wahnsinn und fürchterlichen Sterben seiner Mutter konfrontieren. Mit betörender Präzision und permanenten Präsenz gelingt es ihm – fast auf Tuchfühlung mit dem Publikum – in den gehetzten, verletzten, gequälten Blicken des Kindes jenen zappeligen, unreifen Erwachsenen zu spiegeln, der er noch wenige Szenen vorher war – ein überwältigender Einstand für den 28jährigen Neuling im Ensemble des Stadttheaters.


Dass der Sohn-Schriftsteller gegen Schluss des Stücks eine Erfahrung macht, die für ihn selbst Relevanz hat, aber – in seinen Augen – für niemanden sonst, ist eine der Fallen, die Stockmann seinem Publikum gestellt hat. Sein Stück plädiert für das Gegenteil, seine Antwort auf die Frage nach der Relevanz ist eine, die der von ihm erschaffene Schriftsteller ahnt, aber nicht geben kann und will: Dass das persönlich Erlebte bedeutsamer sein kann als das historisch Gewordene. Dem Sohn diente die Erkundung der Vergangenheit dazu, den Tod der Mutter zu
verdrängen, in der Wiederkehr des Verdrängten aber zeigt sich, dass das historisch „Wichtige“ daneben völlig bedeutungslos wird, dass eine entscheidende Wende im eigenen Leben wichtiger ist als der Fall einer noch so dicken Mauer, von dem man nur aus dem Fernsehen weiß.
Das ist ein höchst individualistischer Kommentar zu den Feiern um 20 Jahre Einheit, über den man trefflich streiten könnte. Aber so ist, hintenrum, der Fall der Mauer doch auch eines der Themen von „Kein Schiff wird kommen.“ 



Das Tagebuch der Anne Frank


Der Backfisch und die Koffer

Backsteinmauern, tiefes Gewölbe: Auch das Augsburger Publikum kann sich wie eingeschlossen fühlen.
Die Bühne im Hoffmannkeller ist schmal und lang, ein Laufsteg ohne Ausgang.

von Michael Schreiner (Augsburger Allgemeine Zeitung) 
Wie eine Abenteuerin im eigenen Leben, aber auch wie eine Gefangene im Käfig bewegt sich hier, gekleidet in Weiß, der Farbe der Unschuld, das jüdische Mädchen Anne Frank - wunderbar glaubwürdig verkörpert von der 28-jährigen Schauspielerin Karoline Reinke. Ihr geheimes Versteck. Lebensraum für zwei Jahre, ist keineswegs nur eine Höhle der Angst und des Unglücks.

Es wird gelacht und es kommt der Song „Forever young“ aus dem Off - eine tragische Wahrheit in dieser Geschichte. Reinke spielt die 13 bis 15 Jahre alte Anne Frank als unbekümmertes Wesen mit all den Brüchen und Aufbrüchen der Jugend: ein alberner Backfisch, dann wieder temperamentvolle und verträumte junge Frau. Ein Mädchen, das sich verliebt, mit der Schwester rivalisiert, sich an den Erwachsenen reibt.

Anne sammelt Fotos von Filmstars, sie kichert über den Unterschied zwischen Mann und Frau, schildert die Rituale im Versteck, das sie mit ihrer Familie und vier weiteren Juden teilt. Doch auch das drohende Unheil, die draußen wütenden Nazis, die Gerüchte über Todeslager und Vernichtung gehören in die Welt der Anne Frank, wie sie sie in ihrem Tagebuch beschreibt.
Das Unbehagen, das Wissen um den Ausgang dieses Dramas, der Verrat des Verstecks in
Amsterdam und Anne Franks jämmerlicher Tod im KZ Bergen-Belsen stehen im Raum, ohne benannt zu werden. Weil da diese Koffer sind. Als einzige Requisiten liegen sie herum. Koffer, aus denen Anne Menschenhaar zieht. Oder Schuhe. Das, was die Nazis in den Konzentrationslagern, wo sie ihre Opfer kahl schoren und der letzten Habe beraubten, horteten. Die Koffer sind es, die alles vorwegnehmen vom Schicksal, das Anne Frank und ihre Familie ereilen wird. Koffer stehen für Deportation und Vernichtung der Juden, für die letzte Reise in den Tod.

Doch davon handelt die szenische Bearbeitung des Tagebuchs der Anne Frank nur am Rande. Mit dem Stück, einem Monolog aus Originalzitaten, gelingt dem jungen Team um Regisseur Ramin Anaraki, Ausstatterin Tatjana Kautsch und ihrer bewundernswerten Darstellerin Karoline Reinke ein eigener, couragierter und lebendiger Zugriff auf den Stoff, der gerade durch seine Berühmtheit in gewisser Weise ja gar nicht mehr wahrgenommen, weil als „bekannt“ abgehakt wird.
Wenn Reinke sich, all die absurden Schikanen des Alltags aufzählend, ein Dutzend gelber Judensterne an den Körper heftet und mit rotem Klebeband als Hitlerbärtchen unter der Nase über den Laufsteg marschiert, werden aus dem Tagebuchdokument Bilder, die stärker sind als Sprache.
Das ist die Kunst und Macht des Theaters.


Ein ganz normales Mädchen
“Das Tagebuch der Anne Frank” im Hoffmannkeller
Es war sicherlich gewagt, die Darstellung der Anne Frank so stark auf das pubertär-mädchenhafte der heranwachsenden 14-Jährigen zu konzentrieren, wie das die Inszenierung von Ramin Anaraki tut. Und doch ging der Plan auf: Zum Einen wegen der glänzenden Schauspielerin Karoline Reineke, zum Anderen wegen des Hoffmannkellers, der in dieser Inszenierung ganz naturalistisch und ohne äußeres Zutun ein Gefängnis darstellte.                                              von Frank Heindl (DAZ)

Bei der Premiere von “Das Tagebuch der Anne Frank” am Sonntag musste man zunächst ein bisschen bangen, ob das Konzept wirklich hinhauen würde. Karoline Reineke, ganz weißgekleidete Unschuld, gab nämlich eine ganze Weile “nur” einen ganz normalen Teenager. Schmollschnute, wütendes Schuhe-in-die-Ecke-werfen, ungelenke Bewegungen, sich selbstironisch charakterisierend als “das Nervenbündel vom Hinterhaus”.
Einige Gäste fanden das zum Lachen, lachten auch noch, als die Schauspielerin sich empört mit gelben Judensternen beklebte: Einer kam ins Haar und sollten den Ärger darüber ausdrücken, dass ein jüdisches Mädchen im Amsterdam der 40er-Jahre sich nur noch von jüdischen Friseuren die Haare machen lassen soll. 


Man darf annehmen, dass Publikumsgelächter nicht unbedingt einkalkuliert war, muss aber zugestehen, dass es so falsch womöglich auch nicht war. Denn gerade darauf liefen Textauswahl und Reinekes Spiel hinaus: Wir Leser, wir routinierten Konsumenten all der Gruselgeschichten rund um den Holocaust, haben uns womöglich viel zu sehr daran gewöhnt, die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung immer und immer als Opfer zu sehen, sie mit Mitleid zu überschütten und dabei ihr schlichtes Menschsein zu übersehen. Das Mädchen
Anne Frank lebte mit seiner Familie und weiteren Bekannten vom Juli 1942 an für gut zwei Jahre in einem Hinterhaus-Versteck, bis die acht Flüchtlinge entdeckt wurden - außer Annes Vater kamen alle in den Konzentrationslagern um, Anne in Bergen-Belsen, nicht einmal 16 Jahre alt. Nach dem Krieg veröffentlichte ihr Vater das Tagebuch.

Schnell stellt sich im engen Hoffmannkeller eine klaustrophobische Enge ein, wie sie im holländischen Versteck womöglich gar nicht geherrscht hat. Und doch kann man Ausweglosigkeit, den Mangel an Luft und Bewegung, kaum besser darstellen als durch dieses alte Gemäuer. Und kaum besser, als Karoline Reineke es tat, kann man diese dicken Mauern in Gegensatz stellen zum aufmüpfigen Tatendrang einer 14-, später 15- Jährigen. Die anderen Bewohner träumen von Torten, von der Verlobten, haben konkrete Vorstellung von einem “Leben danach” - Anne selbst aber ist so überbordend von Drang nach Leben, sie “wüsste vor lauter Seligkeit nicht, wo beginnen”, dürfte sie wieder einmal hinaus. Sie möchte einkaufen gehen, sie möchte sich verlieben, sie möchte Mensch, möchte jung, möchte Mädchen sein, umarmt, geküsst werden - doch da draußen wartet nur der Tod auf sie, “der englische Sender spricht von Vergasungen"

Karoline Reineke macht uns mit wunderbarem Einfühlungsvermögen - und doch in aller Schärfe - klar, dass Anne Frank eben nicht nur “schreien möchte vor Wut” auf die Nazis, sondern auch vor Sehnsucht nach einem normalen Leben, das Tag für Tag ohne sie verrinnt, nach Jahren, die auch dann verloren gewesen wären, wenn sie überlebt hätte. Bob Dylan erklingt vom Band: “May you stay forever young”, und der Song macht deutlich, wie grausam der uralte Wunsch sich erfüllt hat an diesem Mädchen und an Millionen anderen, die für immer jung bleiben mussten, weil man sie nicht alt werden ließ. 


Ein Dutzend Koffer sind die einzigen Requisiten auf der kargen Bühne, und sie weisen stets auf das Kommende hin: Auf die Gebirge ärmlicher Habseligkeiten, die am Schluss in Auschwitz und anderswo von den Millionen Ermordeten blieben. Anne nimmt sich einen, knallrot ist er - sie hat die Hoffnung auch dann noch nicht aufgegeben, als sie sich in die Schlange der dahin ziehenden Juden einreiht, deren Gipsfiguren den Bühnenrand bevölkern. “Ich bin nun soweit, dass es mir nichts ausmacht, ob ich sterbe oder am Leben bleibe”, sagt sie - und auch das ist der Satz einer 15jährigen, die gerne erwachsen wäre und es doch nicht ist. Reinekes Spiel, 80 Minuten lang hoch konzentriert und von enormer Präsenz, lässt keinen Zweifel daran, dass Anne Frank nicht gerne gestorben ist. Langer, verdienter Applaus.


Die Filmstar-Bildersammlung im Koffer
Von Karin Lubowski  (SHZ)

Wie fühlt sich Eingesperrtsein an? Und was wird, wenn sich zu Todesangst und Enge die ganz normalen Bedürfnisse und Brüche eines Teenagers Bahn brechen? Die Jüdin Anne Frank hat in ihrem Tagebuch das Leben ihrer Familie und vier weiterer untergetauchter Flüchtlinge dokumentiert. In Lübeck hatte der Stoff jetzt als Monolog aus Originalzitaten Premiere - mit einer bedrückend glaubwürdigen Karoline Reinke als Teenager Anne. 


Die Spielfläche ist lang und schmal. Ein Laufsteg, eine Zeitschiene? Der Zuschauer stößt beinahe mit den Knien an die Studio-Bühne. Koffer sind dort gestapelt, Symbole von Flucht, Hoffnung, Angst. Sie bewahren nicht nur Annes berühmte Filmstar-Bildersammlung. Aus ihnen zerrt sie auch Zeichen der Zeit: Judensterne, einzelne Schuhe, Haarteile. Wer eben noch über Teenager-Zorn und -Schwärmerei geschmunzelt hat, hat nun kahlgeschorene Menschen in Konzentrationslagern und Bilder von Schuhgebirgen im Kopf. 


Doch das Mädchen aus der Weltliteratur ist nicht nur Holocaust-Opfer. Zu sehen sind die vielen Seelen in der Brust dieses Teenagers: außergewöhnliche Intelligenz, Präzise Beobachtung, Schreibtalent, Reife, Sensibilität treffen auf Verwerfungen einer Pubertät und die Reibungen in der Familie. In Lübeck wird das Mädchen Anne, das sein Tagebuch zum 13. Geburtstag geschenkt bekommt, auch mit seinen komischen, nervtötenden, rührenden Facetten lebendig. Musterhaft zeigt Ramin Anaraki mit dieser Inszenierung, was Theater kann: Literarische Vorgaben extrahieren, Empathie provozieren, den Zuschauern Reflexionen direkt in den Schoß werfen.Karoline Reinke erzwingt die Auseinandersetzung in ihrem atemberaubenden Spiel.

Doch die Zuschauer wissen: Das Mädchen im Amsterdamer Hinterhaus-Versteck wird im August 1944 entdeckt und deportiert. Im März 1945, zwei Monate vor der Befreiung Hollands, drei Monate vor ihrem 16. Geburtstag, kommt Anne Frank im KZ Bergen-Belsen ums Leben. Von den acht Untergetauchten überlebt nur ihr Vater.


Das Tagebuch der Anne Frank 

von Julia Bayer (Ultimo)

„Anne Frank - Erfahrungen eines Mädchens während der national-sozialistischen Herrschaft“ – so heißt laut Lehrplan eines der Themen für die Klassenstufen 9-10. In dieser Saison sollte es also jeden Neunt- bzw. Zehntklässler ins Theater Lübeck ziehen: Im Jungen Studio hat Ramin Anaraki eine beeindruckende Version eines der wohl berühmtesten Tagebücher inszeniert. Die jungen Theaterbesucher werden sehen: Anne Frank unterscheidet sich kaum von ihnen. Auch sie ist genervt von den Erwachsenen, träumt vom Shoppen, juchzt auf beim Anblick eines Daniel-Radcliffe-Bildes.


Karoline Reinke gibt der Anne ein Gesicht. Dass es dem der „richtigen“ Anne optisch so gar nicht ähnelt, vergisst man schon nach ein paar Sätzen, so sehr zieht einen das Spiel des neuen Ensemblemitgliedes in den Bann. Die Ausstattung (Tatjana Kautsch) ist schlicht, aber wirkungsvoll: Ein Dutzend Koffer symbolisiert das Provisorium, indem die Franks sicheingerichtet haben. Ein schmaler Laufsteg beschränkt Anne (so wie die Enge im Hinterhaus) in ihrem kindlichen Bewegungsdrang; sechs Gipsfiguren stellen Annes Mitbewohner dar – in Vernunft und Konvention erstarrt, bilden sie einen Gegensatz zur lebhaften Anne, die  in ihrem Schwanken zwischen erster Verliebtheit, Depressionen und unterdrückter Wut ein emotionales Pulverfass darstellt. 


Auch wenn die Inszenierung oft fast heiter erscheint, klammert sie die traurigen Momente nicht aus, zum Beispiel, wenn Anne von ihrer Sehnsucht nach dem „Götterleben“ vor 1942 erzählt, in dem sie noch so unbeschwert war wie „Weißes Papier“. Ein Bombenalarm und die Koffer voller Haare und Gebisse erinnern an das Grauen, das hinter der kindlichen Fröhlichkeit steckt.
Ansehen – nicht nur, wenn man Neunt- oder Zehntklässler ist!



Krankheit der Jugend


Böser Reigen, schiefe Welt

"Krankheit der Jugend" in der Falckenbergschule

von Barbara Teichelmann (SZ)

Der Abend beginnt damit, dass der Ernst des Lebens beginnt. Marie betritt in weißer Feinstrumpfhose die Bühne und steigt in das pinkfarbene Kleid. "SChluss mit der Studentenzeit", sagt sie und steht und schaut und lächelt und wird von ihrer WG-Genossin Desiree gefilmt. Desiree trägt einen wilden Lockenkopf, Männerunterhosen und ein weißes Hemd. Desiree ist eine durchgebrannte Gräfin und lesbisch, Marie aus gutem Haus und strebsam. Beide haben Medizin studiert, und jetzt sind sie fertig und wissen nicht, was anfangen mit dieser Freiheit, die natürlich keine ist.

"Krankheit der Jugend" ist ein selten gespieltes Stück des östereichischen Autors und Regisseurs Ferdinand Bruckner über die Orientierungslosigkeit zwischen den Weltkriegen. EIn böser Reigen aus Sexualität, Selbstzerstörung und Psychospielen, dessen Uraufführung im Jahr 1926 an den Hamburger Kammerspielen beinahe zu einem Skandal geriet, infolge dessen Bruckner eine Zeit lang berühmt wurde. Doch die Tabus von damals sind abgschafft, so dass es nicht mehr reicht, Selbstmord und lesbische Liebe auf die Bühne zu stellen. Fast schon würde eine historische Aufführung lohnen, so weit weg scheint diese Zeit, aber Regisseur Ramin Anaraki hat eine bessere Idee: Er begibt sich in seiner Abschlussinszenierung auf die Suche nach dem, was die verloren gegangene Jugend von damals mit der verlorenen Jugend von heute verbindet. Und siehe da, die Ursache ist die gleiche geblieben: Die Welt ist schief. Mi dieser Erkenntnis zu leben verursacht Schmerzen, und das ist die Krankheit der Jugend.

Sieben junge Menschen turnen auf der schiefen Bühnenebene, die Annette Haunschild in das Studio der Faöckenbergschule gestellt hat. Sie laufen hinauf, rollen hinunter, liegen, sitzen, manipulieren, lieben und hassen.

Aber die Welt bleibt schief, und es gibt nur zwei Möglichkeiten, sich damit zu arrangieren. Entweder man verbürgerlicht, oder man sucht sich mittels Freitod eine andere Welt. Desiree schluckt Veronal, Marie zieht erstmal die weiße Feinstrumpfhose aus, und der Zuschauer freut sich über eine Inszenierung, in der Kleinigkeitenetwas bedeuten und trotzdem nicht aufgesetzt wirkt.


"Krankheit der Jugend"

Furcht vor Bürgerlichkeit     von Mathias Hejny (AZ)

Marie ist fast euphorisch: Die Medizinstudentin steht kurz vor dem Examen. Gleichzeitig ahnt sie, dass gerade der beste Teil ihres Lebens zu Ende gehen könnte: "Die Jugend ist das einzige Abenteuer unseres Lebens" Die Furcht vor jenem Augenblick, in dem es Zeit ist, bürgerlich zu werden, hat Ferdinand Bruckner bei der Zwischenkriegsgeneration der 1920er Jahre als Symptom der "Krankheit der Jugend" diagnostiziert. Maries Freundin Desiree ist bereits unheilbar infiziert: "Alle Menschen sollten sich mit 17 erschießen" sagt sie nicht nur so dahin. Die Bewohner der Studenten-WG lümmeln auf einer Schräge, ausgestattet mit nur einem Plattenspieler. Den Boden schmückt ein Franz-Marc-Pferd - einziger Hinweis auf die Zeit des ersten Weltkriegs, dem die orientierungslose Generation nachfolgte. Regiseur Ramin Anaraki transportierte die Jeunesse dorée der Weimarer Republik bruchlos zur Generation Praktikum der Berliner Republik und transformiert die Glut in spätexpressionistischen Dialoge in ein kaltes Fieber. Es sind seine Altersgenossen, auf die Ramin Anaraki mit seiner Abschlussarbeit für die Regieklasse der Otto-Falckenberg-Schule blickt - und das erstaunlich abgeklärt. Sex und Liebe, Verführung und Macht schaffen keinen SInn und keinen Wert, sondern sind Möglichkeiten, die Zeit totzuschlagen. Das bemerkenswerte Darsteller-Septett Lucy Wirth (Marie), Alice Röttger (Desiree) Franziska Machens (Irene), Lukas Turtur (Freder), Olivia Stutz (Lucy), Benjamin Kempf (Alt) und Justin Mühlenhardt (Petrell), stellt eine Intensität her als seien die Bruckner-Gestalten Träumer eines Kleist-Stückes 



Judith


Eleganter Zweikampf     von Petra Schönhofer (SZ)

(...) Die fünf Akte der Textvorlage mit ihrem Personal aus über 20 Figuren wurde beherzt auf das reduziert, was den Reiz des Dramas ausmacht: Auf die Begegung zweier Gegensätze - der schwachen Frau und des starken Kriegers -. die tödlich endet und zuvor jene Ambivalenz zwischen Anziehung und Gewalt, Liebe und Hass offenbart, die entsteht, wenn die Fremdheit des Anderen zur eignen wird. Mit minutenlangem Schweigen, einer lauernden Stimmung zwischen Verlegenheit und Angriffslust eröffenen Angelika Fink und Arthur Klemt den RIng ihrer Bühne, bereit zum Kampf (..) Immer mal wieder fallen seine Schauspieler aus der Rolle, probieren aneinander den Klassiker als Rollenspiel für experimentierfreudige Bildungsbürger. Judith wirft sich dem Holofernes mit Dosenfrüchten dekoriert zum Fraß, der wiederum fügt sich mit höflichem Entgegenkommen in seine Enthauptung, hat er doch lange auf einen mächtigeren Gegner warten müssen. Aus dem mutigen wie sinnigen Eingriff in die Dramenvorlage wird ein elegantes kleines Schauspiel für zwei dankbare Darsteller.


Sex und Sushi 

von Malve Gravinger (Münchner Merkur)     

Hebbels "Judith" (1840), ein frühes Werk, aber schon ein genialer Wurf von psychologischer Tiefe. EIn Brocken für den, der das auf die Bühne bringen will. (...) Ramin Anaraki aus der Regie-Klasse der Otto-Falckenberg-Schule hat es jetzt in einer auf die beiden Protagonisten konzentrierten Strichfassung fürs Münchner pathos transport gewagt. Hebbel selbst sah die Aufführbarkeit abhängig von der Qualität der Schauspieler. Die ist hier mit Angelika FInk und Arthur Klemt auf hohem Niveau gegeben. (...) Wenn bei Hebbel Übermann und Überfrau in einer lodernden gegenseitigen Anziehung in die Katatstrophe treiben, ringen bei Anaraki zwei Monaden direkt aus dem Heute um die Macht. (...) Ein Glück, dass selbst der gekürzte Text noch so stark ist, Hebbels Sprache von beiden Darstellern so exzellent beherrscht wird, dass ein Besuch lohnt.


Judith am Pathos Transport Theater

von Mathias Hejny (AZ)

Fast zwei Dutzend Rollen tummeln sich im Prosadrama von Friedrich Hebbel. Für das Pathos Transport Theater destillierten Dramaturgin Maria Schneider und Regisseur Ramin Anaraki aus "Judith" ein Kammerspiel für zwei Personen. Überraschenderweise hält Hebbel diese extreme Zuspitzung auf den vierten Akt, die Begegnung der Jüdin Judith mit dem Babylonischen Feldherren Holofernes aus. (...) An der Banalität des bösen weidet sich Anarakis INszenierung bereits mit einem von allerlei Verlegenheiten begleiteten Sushi-Essen. (...) Angelika Fink in der Titelrolle trägt Blutspritzer ihres Opfers wie eigene Wundmale, saugt nervös und zittrig an der vom Publikum geschnorrten Zigarette und hält ein bewegendes Plädoyer in eigener Sache zwischen Triumph und Selbstbezichtigung.